Komplexität der Märkte = Inbegriff der Verschleierungstaktik

Spiegelonline schrieb schon am 28. Oktober 2011, 14:15 Uhr

S.P.O.N. – Der Kritiker

Dogma der Doofheit

Der Satz von der Komplexität der Märkte ist zum Inbegriff der Verschleierungstaktik geworden. Er verhüllt, dass der freie Markt Europa in einen „failed state“ verwandelt hat – und nützt Angela Merkel: Die herrschende diffuse Stimmung sichert ihr den Machterhalt. [weiterlesen]

Ich bin ein Idiot, wenn es ums Geld geht. Was ich über Börsen wusste, wusste ich aus Tom Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Ich habe 1996 keine Telekom-Aktien gekauft, wie alle anderen, weil ich kein Volksaktionär sein wollte und weil ich eh kein Geld hatte. Und als ich dann Geld hatte, habe ich Leuten vertraut, denen ich nie vertraut hätte, wenn es um Schuhe oder Hemden gegangen wäre, und die mir Charts und Tabellen zeigten mit Kurven, die immer nur nach oben wiesen.

Das Gute ist, dass ich nicht mehr allein bin. Alle sind Idioten, wenn es um Geld geht. Das ist jedenfalls der Eindruck dieser Woche, die in der Folge der deprimierenden Wochen dieses Jahres die mit Abstand deprimierendste war. In dieser Woche verdichteten sich die wirtschaftliche, die politische und die intellektuelle Krise zu einem einzigen, großen, traurigen Bild: Angela Merkel in eine Art blaue Samtdecke gehüllt, mit welken Backen, im Gesicht ihre merkwürdige Mischung aus Hochmut und Gehetztheit.

Aber der Reihe nach. Es fing schon in der Woche zuvor an, als ich zum ersten Mal das Wort Hebel hörte. Es tauchte in der „Tagesschau“ auf, unkommentiert und unerklärt, es tauchte bei „Maybrit Illner“ auf, wo Jürgen Trittin und Christian Lindner mit diesem Wort aufeinander einprügelten. Der eine, Trittin, zieht sich seit einer Weile nicht nur so an wie ein Finanzexperte oder wie Joschka Fischer, er hat auch seinen Wirtschafts-Slang und seine Zahlen ganz gut drauf, scheint mir. Der andere, Lindner, tat, was FDP-Politiker seit einiger Zeit häufiger tun: er log.

Oder wie man das eben heute nennt. Jedenfalls saß er da und sagte, nein, nein, nein, also der Hebel – was auch immer das ist, dachte ich – also der Hebel, sagte Lindner, der wird, so jedenfalls, nicht kommen. Trittin hatte sichtlich Spaß, Lindner immer wieder auf diesen Hebel anzusprechen, und je länger es ging, desto mehr war klar, dass es sich beim Hebel um eine nicht unbedingt sexuelle, aber doch sehr schmutzige Sache handeln musste.

Ein Teufelsinstrument

Dann fiel mir ein, wo ich das Wort schon mal gehört hatte. Ich redete mit meinem Freund Finn, ich telefonierte mit meinem Freund Maxim. Ganz langsam, wie durch einen Nebel, kam dieses Wort zu mir, so geht mir das zurzeit immer, alles, was mit der Euro-Krise zu tun hat, kommt ganz langsam, verschwindet dann wieder, entzieht sich und steht irgendwann in seiner ganzen Erbärmlichkeit vor mir: Der Hebel also war nichts anderes als das, was mein Held Michael Lewis in „The Big Short“ beschrieben hat, seine Erklärung für die Finanzkrise 2008 – „Leveraging“, ein Teufelsinstrument, mit dem man Geld, das man nicht hat, vervielfacht, mit der Konsequenz, dass die Verluste, falls sie kommen, sich eben auch vervielfachen.

Ach, dachte ich, schau mal an, das kann doch gar nicht sein, dass die Politiker, die uns vor den Auswüchsen des Finanzkapitalismus warnen, uns davor mit Mitteln genau jenes Finanzkapitalismus retten wollen. Oder wie es Wolfgang Münchau in der „Financial Times“ beschrieben hat: „How Europe is now leveraging for a catastrophe“.

Er hat das auf Englisch geschrieben, so wie fast alles, was mir etwas über die Finanzkrise erklärt, auf Englisch geschrieben zu sein scheint. Das kann meine Schuld sein, weil ich mich seit einiger Zeit eben lieber durch die Bücher von Michael Lewis arbeitete, als mir noch den siebten Leitartikel durchzulesen, in dem wieder nur drin steht, dass „der Ausbau des EFSF zudem durch eine Vielzahl weiterer Reformen“ ergänzt werden muss: „härtere Sanktionen gegen Schuldensünder, einen EU-Fonds zur Rettung und nötigenfalls Abwicklung großer Banken, eine engere politische Abstimmung der Euro-Länder …“.

Bis an den Rand des Klischees

Genau das alles also, was in den letzten Jahren so gut geklappt hat. Oder wie Michael Lewis es in seinem neuen Buch „Boomerang. The Meltdown Tour“ beschreibt: „But this question of whether Greece will repay its debts is really a question of whether Greece will change its culture“. Und dass das passiert, ist, wenn man seine Reportage gelesen hat, in etwa so wahrscheinlich wie ein Kindergeburtstag, der nicht im Chaos endet. „As it turned out, what the Greeks wanted to do, once the lights went out and they were alone in the dark with a pile of borrowed money, was turn their government into a piñata stuffed with fantastic sums and give as many citizens as possible a whack at it.“

Das ist die Rückkehr der nötigen Härte, der Klarheit und der Kontur in den Diskurs. Ah, ja, bitte, bis an den Rand des Klischees – aber nicht länger diese Schlichtheit, wie sie seit einiger Zeit schon Angela Merkel zu ihrem Mantra erkoren hat: Es ist alles so komplex, wir können das alles gar nicht mehr verstehen, erwarten Sie keine Lösungen, ich weiß auch nicht, wie es gehen könnte, aber glauben Sie mir, das Risiko des Rettungsfonds ist vertretbar – und dann macht sie, in immer kürzeren Abständen, doch genau das, was sie vorher ausgeschlossen hatte, Aufstockung, Schuldenschnitt, Hebel.

Das Problem dabei ist gar nicht so sehr das sich ausbreitende Gefühl von Unehrlichkeit, weil ja der Zweck dieses Nebelwerfens klar ist: Es geht Merkel einfach darum, eine möglichst diffuse Stimmung zu erzeugen, um so die eigenen Entscheidungen zu ermöglichen. Das Problem ist ein Gefühl von intellektueller Enteignung, wie es sich mit dieser Krise ausgebreitet hat: Der Satz von der Komplexität der Märkte ist zu einem Dogma der Doofheit geworden.

Die Medien haben sich den Marktakteuren angepasst

Wir können das alles nicht verstehen? NEIN. STIMMT NICHT. Selbst ein Idiot wie ich kann was verstehen. Man muss sich halt nur ein bisschen anstrengen. Und man sollte sich nicht zu sehr auf die etablierten Medien verlassen. Wie die Medien, die amerikanischen in diesem Fall, in der Krise 2008 versagt haben, das beschreibt sehr eindrucksvoll das Buch „Bad News. How America’s Business Press Missed the Story of the Century“ – vieles lässt sich auf unsere Situation heute übertragen: Die Medien, die selbst in einer strukturellen und in einer Sinnkrise sind, haben vor der Finanzkrise in weiten Teilen versagt, weil sie sich, aus Angst, aus Anpassung, zu sehr dem Denken der Märkte und der Marktakteure angepasst haben. Von „kognitiver Verengung“ spricht der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der Journalist Dean Starkman spricht vom „Stockholm-Syndrom“.

Um noch einmal zu meinem Lieblingswort zurückzukommen: Die Art und Weise, wie über den sogenannten Hebel berichtet wurde, wirkt vielfach so, als wolle man gar nicht, dass der normale Leser oder Zuschauer versteht, was das bedeutet. Er könnte, er müsste es aber verstehen, das ist der Punkt. Sonst schlurft er so gebückt herum wie die Abgeordneten im Bundestag, die sich wie eine traurige Herde nach der Abstimmung am Mittwoch um Angela Merkel scharten, die sich aneinander rieben, als wollten sie sich wärmen. Wir versuchen es ja zu verstehen, sagten sie, aber wir schaffen es nicht. Dazu passt dann auch der Jubel einiger deutscher Tageszeitungen über Merkels vermeintlichen „Sieg“.

Was für ein Zeichen. Der Souverän, den das Bundesverfassungsgericht doch stärken wollte, kommt nach diesem Votum beschädigt aus der Krise heraus. Was ist denn das für eine Scheindebatte, was für eine Scheinabstimmung? Indem die Abgeordneten eine Abstimmung erzwungen haben, haben sie im Grunde nur ihre eigene Machtlosigkeit demonstriert. Das ist ein Paradox dieser an Paradoxen reichen Krise.

Das sagte neulich ein Freund beim Spazierengehen: Alle haben gedacht, dass nach dem Ende des Kommunismus der freie Markt sich ausbreiten und aller Welt die Demokratie bringen würde – tatsächlich hat sich der freie Markt ausgebreitet und Europa in einen „failed state“ verwandelt. „Travels in the New Third World“, so nennt Michael Lewis seine Reportagen aus Island, Griechenland, Irland und Deutschland. Und jetzt sollen uns die, die uns in die „Scheiße“ (Helmut Schmidt) geritten haben, wieder aus der „Scheiße“ (Günther Jauch) herausziehen.

Lustig?

Geht so.

Alle sind Idioten, außer denen, die daran verdienen.

Der Begriff „Idiot“, aus dem Griechischen, bezeichnet einen Nichtwissenden. So ist es.

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Hinwies: Zitierte Teile oben sind von © SPIEGEL ONLINE 2011, s. o. URL

Man kann sich in Theorien wälzen, relevant ist, was noch da ist, wenn es gekracht hat, denn krachen wird es, dies ist ja auch die leicht erkennbare Absicht, welcher die Basis des ZinseszinsSystems bildet,

siehe dazu auch „Was, wenn es wirklich kracht?“ Tages-Anzeiger, Zürich, Zeitungsartikel von Constantin Seibt

http://bit.ly/was-wenn-es-wirklich-kracht-ta-003

 

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