Paradigmenwechsel in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht unumgänglich, nach Prof. Franz Hörmann (Wien)

Weltwirtschaftskrise – Die Systemfrage und mehr

Paradigmenwechsel in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht unumgänglich

Geschrieben von Jochen Hoff Mittwoch, 3. November 2010 Kommentare (4) | Trackbacks (3)
kommentiert von silbermuenzgeld in [ ].
Im Zusammenhang mit der aktuell zwar auftragsgemäß kleingeredeten Wirtschaftskrise ist ein erstaunlicher Wandel in den Denkmustern zu verzeichnen. Selbst Journalisten in Zeitungen oder Sendern die sonst nur der Werbung für Aktien und Derrivate machen dürfen, beginnen sich langsam abzusetzen und zeigen die aktuelle Wirtschaftskrise zumindest in Randbereichen. Franz Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien [(„Banken erfinden Geld aus Luft“, was bei diesem System logischwerweise nicht anders möglich ist) geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt die Systemfrage]:

Für Franz Hörmann, Professor an der Wirtschaftsuniversität in Wien, ist die Zeit der Banken und des Geldes vorbei. Ein Paradigmenwechsel sowohl in den Wirtschaftswissenschaften, als auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht, ist für ihn unumgänglich. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, warum wir die Banken getrost ignorieren können, die freien Märkte „Blasenmaschinen zum Missbrauch für die Eliten“ sind und noch in den nächsten drei Jahren der Zusammenbruch des gesamten Systems droht.

derStandard.at: Sie gehen davon aus, dass sich Gesellschaft und Wirtschaft in den kommenden Jahren völlig verändern werden. Hat unser derzeitiges Finanz- und Wirtschaftssystem ausgedient?

Franz Hörmann: Definitiv in jeder Hinsicht. Weil wir aus Sicht der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften Modelle verwenden, die auf die alten Römer zurückgehen. Das Zinseszinssystem stammt aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend, die doppelte Buchhaltung aus dem 15. Jahrhundert. Und es gibt keinen Bereich unserer Gesellschaft und der Wissenschaften, wo Methoden dieses Alters überhaupt noch ernst genommen werden. Aber es dient dazu, gesellschaftliche Eliten mächtig und reich zu erhalten, deswegen ändert sich nichts.

derStandard.at: Läutete die Krise nun ein Umdenken ein?

Hörmann: Das denke ich schon. Die heutige Krise geht von den Banken aus. Banken erfinden im Kreditprozess Geld. Wenn man aber Geld aus Luft erfindet und das, was vorher noch nicht existiert hat, verzinst weiter gibt und dinglich absichern lässt, dann ist das, wenn das Geschäftsmodell schief geht, in Wahrheit ein Enteignungsmodell. Das ist auch der Hintergrund des Bankgeheimnisses. Banken können überhaupt nicht offenlegen, wo beispielsweise die Zinsen für Sparbücher, Bausparverträge oder Sonstiges herkommen. Denn wenn sie das täten, müssten sie zugeben, dass das alles in Wirklichkeit verkettete Pyramidenspiele sind. Diese verdeckte Geldmengenausweitung hat mit der doppelten Buchführung begonnen. Weil wenn man mit Geld eine Sache kauft, dann wechselt das Geld in Wahrheit den Besitzer. Der Verkäufer hat das Geld, der Käufer hat die Sache. Ab dem Moment ist die Sache aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr in Geld bewertbar. Trotzdem schreiben wir diese Geldbeträge in Bilanzen rein.

derStandard.at: Den Banken und dem Finanzsystem zu vertrauen ist also ein Fehler?

Hörmann: Das Vertrauen ist ja in den letzten Jahren von den Banken systematisch missbraucht worden. Es gibt ein systemisches Betrugsmodell einer Institution, der in unserem Wirtschaftssystem das Monopol zur Geldschöpfung über Kredite eingeräumt wird. Solange man mit Eigenkapital als Sicherheit zur Bank geht und die erzeugt aus Luft echtes Geld, das eine Zahlungsmittelfunktion hat, haben wir ein Problem. Eigenkapital ist eben kein Geld, es ist eine Rechengröße. Nach irgendwelchen Regeln wird die Aktivseite bewertet und dann die Schulden abgezogen. Wenn ich ein drei Meter langes Brett habe und ziehe ein zwei Meter langes Brett ab, dann hab ich immer noch kein ein Meter langes Brett, ich habe eine Differenz. Wenn ich ein ein Meter langes Brett haben will, dann muss ich die zwei Meter abschneiden. Ökonomisch heißt das, ich muss die Aktiva liquidieren, damit ich das Geld kriege. Zu Liquidationserlösen sind aber alle Unternehmen weltweit pleite. Auch Staaten können sich daher in Wirklichkeit gar nicht verschulden. Ein Staat, wenn man ihn als Summe des gesamten Geldflusses versteht, wo soll sich der verschulden? Warum gerade bei einer Privatbank? Ein Staat müsste sein Geld eigentlich selbst erzeugen, und zwar basisdemokratisch.

Bei den Banken von einem systemischen Betrugsmodell zu sprechen ist sehr mutig, aber wer jemals Josef Ackermann von der Deutschen Bank und die Allianz hat agieren sehen, der kann solche mutigen Sätze nur unterstützen. Das gesamte Interview legt immer wieder die Hand in die offene Wunde und so stellt Hörmann auch fest:

Die europäischen Länder haben nicht unbedingt die Griechen gerettet, sondern ihre eigenen, in erster Linie die deutschen Banken, die hier absurde Kredite vergeben haben. Die Zusammenhänge sind auch völlig absurd, wenn man sich Folgendes überlegt: Der Staat verschuldet sich bei den Banken, um die Zinsen der Schulden, die er bei den Banken hat, zu begleichen oder um die Banken zu retten, bei denen er selber Schulden hat. Da versteht ja keiner mehr, wer eigentlich bei wem Schulden hat und was Schulden eigentlich sind.

Der deutsche Pfandbrief, der auf Duckhome ja schon seit langem in Frage gestellt wurde, meldet sich mit neuen alten Problemen zurück. Forderungen gegen Spanien, Portugal, Irland, Italien und Griechenland bilden teilweise bis zu 25 Prozent der Absicherung und bei der Deutschen Pfandbriefbank, einer Tochter der Hypo Real Estate Gruppe (HRE) ist genau das der Fall. Das heißt, die Pleitebank braucht noch mehr Geld vom Steuerzahler, damit die Reichen und die Superreichen geschützt werden. Selbstverständlich müssen dann für die tollen Bankster auch Boni gezahlt werden, weil sie ja so erfolgreich Geld umschaufeln.

Gewinneinbrüche bei Goldman Sachs und 8 Milliarden Dollar Verlust bei der Bank of Amerika lassen auch für die deutschen Banken das Schlimmste befürchten. Dazu kommt noch, dass die amerikanischen Banken zur Zeit unter starkem Druck der Staatsanwalten stehen, weil sie in vielen Fällen die Besitzer von Häusern zwangsräumen ließen, aber vermutlich gar kein Recht dazu hatten. Die komplizierte und wohl auch rechtswidrige Verpackung von Subprime Hypotheken hat scheinbar dazu geführt, dass viele Banken gepfändet haben, wo sie gar kein Pfandrecht hatten. Auch die Deutsche Bank dürfte in diesen Skandal verwickelt sein, da sie eine der größten Zwangsversteigerer in den USA war und wohl auch noch ist.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn Markus Diem Meier für den Tagesanzeiger feststellt:

Der Reingewinn ist deshalb ein schlechter Massstab für die tatsächliche operative Stärke eines Unternehmens, weil hier eine ganze Reihe rein buchhalterische Bewertungen einfliesst. Bei der UBS waren es diesmal vor allem neu aktivierte latente Steuerguthaben im Umfang von 825 Millionen. Diese Grösse, die rein auf einer Einschätzung zur Zukunft beruht und der kein aktueller Geldfluss gegenübersteht, macht alleine fast die Hälfte des ausgewiesenen Gewinns der UBS aus.

Ohne diesen Effekt und weitere Steuereinschätzungen – also «vor Steuern» – belief sich der Gewinn der UBS im dritten Quartal auf 818 Millionen Franken. Vergleicht man dieses Resultat mit jenem des Vorquartals von 2614 Millionen Franken, resultiert eine Ergebnisverschlechterung von 68,7 Prozent. Damit ist die UBS wieder in bester Gesellschaft mit anderen Grossbanken.

Bankbilanzen sind eben nichts als Vermutungen und Lügen. Aber auch die Medien spielen bei Lug und Betrug gerne mit. So jubelt das Handelsblatt „Sanieren wird zum Millardengeschäft“ und freut sich darüber, dass von den 414 deutschen Einkaufszentren nicht weniger als 48 Prozent mit Milliarden „revitalisiert“ werden müssten. Das gleiche trifft übrigens auch auf die Hälfte aller Gewerbeimmobilien zu und im Bereich der Mietwohnungen mit mittlerem Standard dürften wohl 90 Prozent aller Objekte betroffen sein.

Allerdings ist das kein Grund zur Freude. Die Milliardengeschäfte sind nämlich reine Fantasie. Statt dessen wird nach dem Kanam-US-Grundbesitz jetzt mit dem DEGI-Europa der zweite große offene Immobilienfond abgewickelt, weil die Anleger schneller flüchten, als neues Geld herangeschafft werden kann und nicht nur die Wirtschaftswoche fragt sich besorgt:

Krisenfonds verkaufen Bürohäuser, um Anleger auszahlen zu können. Ihre Immobilien müssen sie zuvor massiv abwerten. Die Fonds der großen Bankengruppen dagegen weisen unverdrossen Kursgewinne aus. Haben sie wirklich günstiger eingekauft – oder zögern sie Abwertungen nur hinaus?

Die Antwort ist einfach. Die Banken und natürlich auch die großen Versicherer zögern einfach die Abschreibungen hinaus. Bilanzkosmetik und Betrug schaffen die Bilanzwerte die gerade gebraucht werden um als erfolgreich zu gelten und neues Geld schaffen zu können. Wer wissen will, wie grausam die Realität bei den Banken ist, sollte diesen Artikel unbedingt lesen. Den Namen der Privatbank kann man übrigens austauschen, die Situation ist überall ähnlich.

Wolfgang Spitz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) muss feststellen, das 2010 die Zahl der Privatinsolvenzen wohl auf 110.000 steigen wird. Dazu kommen wohl noch weitere 500.000 für die sich selbst eine Insolvenz nicht mehr lohnt, weil sie in Hartz IV gefangen sind und nie mehr entkommen werden. Aber Herr Spitz weiß wenigstens, dass es „Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit waren, die für viele der Tropfen waren, der das Schuldenfass erst jetzt zum Überlaufen brachte“. Leider vergaß er dabei zu erwähnen, dass das Lohndumping in Deutschland ebenso zu den Ursachen gehört.

Den europäischen Regierungen fiel nur eines ein. Sparen bei denen die völlig unschuldig an der Weltwirtschaftskrise sind. Angela Merkel und Guido Westerwelle die ja eh nur für das Großkapital arbeiten und sich freiwillig und lachend zu dessen Handlanger machen, haben sich in Europa durchgesetzt. Es wird an den Armen, Alten und Kranken gespart und die Löhne werden so tief gedrückt, wie es nur eben möglich ist. Die Gewinne aus dieser Menschenschinderei werden dann an das Großkapital verteilt, auf dass dieses aufs neue die Casinos anwerfen und das Geld und damit die Arbeitsleistung der Mehrheit vernichten kann.

Längst sind aus den deutschen Sparmaßnahmen alle Dinge herausgestrichen worden, die das Kapital auch nur im geringsten Geld kosten könnten, lediglich die Kürzungen gegen die Menschen bleiben erhalten und so wird es auch in England sein, wo der britische Finanzminister George Osborne ein Sparpaket von 100 Milliarden Dollar vorlegte, wovon weniger als 2 Milliarden das Kapital betreffen. Dafür aber hatte der Politiker einen tollen Spruch: „Heute ist der Tag, an dem Großbritannien vom Abgrund zurück tritt, denn ohne drastische Einschnitte würde das Land im Schuldensumpf versinken“, Morgen wird er dann bekanntgeben welche Bankster er mit dem eingesparten Geld fördern will. Dabei gibt es viele Wirtschaftswissenschaftler wie Nouriel Roubini, die den angeblichen Aufschwung in Deutschland nur für einen statistischen Effekt halten und den Sparkurs als kontraproduktiv betrachten, der letztendlich jeden echten Aufschwung verhindert.

In Europa nimmt der Autoabsatz insgesamt ab, was nicht nur an den Spätfolgen diverser Abwrackprämien liegt, sondern eben auch an überall fehlender Binnenkaufkraft. Japan hat schon offen eingestanden wieder in die Rezession zu rutschen und der Weltwährungskrieg verschärft sich zunehmend. So hat es auch der chinesische Yuan wieder einmal geschafft neue Tiefstwerte gegenüber dem Dollar zu markieren, weil eben viel Investitionskapital aus dem sterbenden Dollar nach China wandert. Der japanische Yen wird immer fester und verhindert damit Exporte.

Für den Euro sind Länder wie Griechenland immer wieder ein Grund gegenüber dem Dollar abzuwerten und es sieht so aus, als ob in der Weltwirtschaftspresse dieses Schreckgespenst immer wieder aufgekocht würde, wenn der Euro zum Dollar zulegt. Der Dollar selbst und alle Währungen verlieren gegen Gold und Edelmetalle, die aber ihrerseits auch keine wirkliche Lösung und vemutlich auch keinen Schutz bieten.

Der US-Finanzminister Timothy Geithner fordert von Deutschland und China weniger zu exportieren und mehr zu konsumieren. Er weiß natürlich nicht, dass die Deutschen gar nicht mehr konsumieren können, weil sie von Merkel und Co. vollständig ausgeraubt wurden und nun nur noch ums überleben kämpfen. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sieht angesichts dieser Attacken seine Felle davonschwimmen und beklagt sich bitterlich, dass die USA „eine exzessive und permanente Erhöhung der Liquidität betreiben, was seiner Ansicht nach nichts anderes als eine indirekte Manipulation der Wechselkursrate des US-Dollars“ wäre.

Natürlich manipulieren die USA ihre Währung nach unten. Dies tut jede Nation und auch die Europäer. Man nennt das Währungskrieg und es ist vielleicht ein Vorläufer eines richtigen Krieges oder zumindest von stärkerer Protektion der eigenen Wirtschaft und WTO-Generaldirektor Pascal Lamy warnt nicht umsonst vor solchen Entwicklungen, auch wenn er noch nicht von Währungskrieg reden will.

Aber tatsächlich haben die USA gar keine andere Möglichkeit mehr, als weitere Schulden zu machen. Sie können ihre bisher angehäuften Schulden nie mehr bezahlen. Das gilt übrigens auch für viele andere Länder auf dieser Welt. Der einzige Ausweg ist die Schulden über die Inflation wertloser zu machen und sie somit langfristig verschwinden zu lassen. Fed-Chef Ben Bernanke hat sich schon geäußert, dass die amerikanische Notenbank erneut und in erheblich erweitertem Umfang Staatsanleihen der USA kaufen will, was nichts anderes als das Drucken von Geld bedeutet.

Die USA versucht sich also selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Deshalb spricht Bernanke jetzt von einem Anstieg der Inflationserwartungen um die Realzinsen zu senken. Ein Erfolg einer solchen Maßnahme ist natürlich möglich, wenn alle anderen Währungen mitspielen. Dafür ist aber jeder Zeitpunkt bereits verpasst und auch der G20 Gipfel hat in Wirklichkeit nichts in dieser Richtung gebracht. Jeder steht also für sich und deshalb wird weltweit ein Inflationswettlauf einsetzen, bei dem zum Schluss nur Verlierer übrig bleiben.

Der Versuch die Pest mit der Cholera zu bekämpfen wird allerdings die Reichen noch schneller noch viel reicher machen und dafür die Armen total vernichten und den Mittelstand in die Armut drücken. Es müssen die Grundpfeiler eines offensichtlich falschen Finanz- und Wirtschaftssytems geändert werden und das braucht Politiker mit Verstand und Mut, die zu alledem auch noch ehrlich sein müssen. Ehrliche Politiker zu finden dürfte wohl überall auf der Welt unmöglich sein.

Deshalb braucht es neue Leute in der Politik, die außerhalb der bisher existierenden Parteien im Sinne ihrer Wähler handeln und auch bei ihren Wählern leben. Nur wer versteht worum es geht, kann politisch sinnvoll handeln.

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2 Kommentare

  1. Frankenabwertung 1931, 27.09.1936, …, 06.09.2011 « Wertmetall Box
  2. 15. Oktober 2011, 15.10.2011 Berlin Frankfurt Stuttgart Zürich global « silbermuenzgeld

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