Wall-Street-Proteste 001

Wall-Street-Proteste als neue globale Bürgerbewegung?

Die Wall Street ist zum Zentrum von Demonstrationen geworden.
Die Wall Street ist zum Zentrum von Demonstrationen geworden.
Bild: Bloomberg

13.10.2011 00:31

Die Proteste in US-Grossstädten mit dem Motto „Occupy Together“ könnten zu einer neuen globalen Bürgerbewegung werden, mit der die Menschen ihre Wut über die Missstände in ihrem Land auf die Straße tragen.

Die Parolen in Manhattan, Washington und Chicago scheinen inspiriert zu sein von den Jugendprotesten in Europa. Die Demonstranten eint das Gefühl, für das Missmanagement und die Raffgier von wenigen Einzelnen, insbesondere der Eliten aus Politik und Finanzindustrie bezahlen zu müssen. Mit Hilfe des Internets kommt es zu einem weltweiten Austausch an Solidaritätsbekundungen und Informationen unter den Demonstranten. Das Leitmotiv: „Wir sind die Mehrheit der Bevölkerung, die in Unsicherheit lebt und unter der Finanzkrise leiden muss. Wir sind die 99 Prozent!“

Und so riefen die Demonstranten auf der Londoner Westminster Bridge bei Protesten am vergangenen Sonntag gegen die Reformpläne des britischen Gesundheitssystems eben diese Slogans, die zuvor zum Symbol für die Anti-Wall-Street-Bewegung in den USA geworden waren.

„Es handelt sich hier um eine Entwicklung, die mehrere Jahre andauern wird, vielleicht sogar Jahrzehnte“, sagt die Chefanalystin der US-Bank Citi, Tina Fordham. „Bislang war die politische Anteilnahme gering, aber das könnte sich ändern. Eine anhaltende Phase von keinem oder geringem Wirtschaftswachstum könnte diese aufkommende Bewegung in eine politische Kraft verwandeln.“

Noch keine konkreten Forderungen definiert

Kritiker bemängeln, dass die Bewegung bislang keine konkreten Forderungen definiert und sich nur auf die Kritik an Bestehendem konzentriert. Doch im Zuge der jüngsten Demonstrationen am Montag in Chicago veröffentlichten die Organisatoren eine Stellungnahme im Internet, in der sie die Besteuerung von Finanztransaktionen der Börsen in Chicago fordern. Mit den Steuereinnahmen wollen sie Tausende von Arbeitsplätzen finanzieren. Zwar ist die Idee der Transaktionssteuer – angelehnt an die von Globalisierungskritikern seit langem geforderte „Tobin-Tax“ – keine neue Idee, aber sie beweist die zunehmende Seriosität der zunächst naiv wirkenden Proteste.

Inspiriert auch vom „Arabischen Frühling“ in Tunis und Kairo nutzt auch die „Occupy-Bewegung“ soziale Netzwerke im Internet als wichtigstes Kommunikationsmittel. Und auch die Beschlagnahme zentraler Orte, an denen sich Demonstranten versammeln und organisieren, gleicht den Protestbewegungen in Nordafrika im Frühjahr des Jahres.

Natürlich zeigen sich einige gravierende Unterschiede: Bei den Demonstrationen in Ägypten und Tunesien wollten die Menschen den Sturz der Machthaber erzwingen, die ihnen über Jahre hinweg die politische und persönliche Freiheit geraubt, Oppositionelle unterdrückt und gefoltert und Jugendliche ohne Perspektiven zurückgelassen hatten.

Bei den Occupy-Protesten mag es auch um den „Diebstahl“ der persönlichen Freiheit gehen. Doch fordern die Demonstranten keinesfalls ein neues politisches System und den Sturz ihrer Regierungen. Die Menschen in den USA sind wütend auf die ungleiche Verteilung von Reichtum und wollen am Profit der Wirtschaft wieder beteiligt werden. Der amerikanische Traum scheint in Gefahr zu sein – den wollen sie retten und nicht begraben.

Psychologie einer Generation

Clay Shirky, Professor an der Universität New York und Autor des Buches „Here Comes Everybody“, spricht von der Psychologie einer Generation. „Wenn man betrachtet, was überall passiert ist, so ist dies eine Art psychologische Synchronisation“, sagte er unlängst bei einer Konferenz in Washington. „Es besteht die Wahrnehmung unter jungen Menschen, dass ihre Generation andersartig ist. Wenn viele so denken, dann könnten wir die Bewegung einer Generationen beobachten, wie zuletzt 1967.“

Doch stellt sich die Frage, welche langfristigen Auswirkungen eine solche Entwicklung mit sich bringen würde. Denn viele der Mitglieder der „68er-Bewegung“ sind heute Teil des Systems, das sie einst kritisierten. Grundlegend verändert haben sich die globalen Machtverhältnisse seitdem nicht. Und so scheint es eher unwahrscheinlich, dass sich die Wall-Street-Proteste in eine grundsätzliche Kritik an bestehenden Strukturen ausdehnen werden, die das weltweite Arm-Reich-Gefälle anprangert oder gar verändert.

Für die Demonstranten im Nahen Osten, die mit den Folgen der Machtverschiebung in ihrem Land zu kämpfen haben, sind die Proteste in den Industrienationen spannend zu verfolgen. Dennoch bezweifeln viele, dass sie Teil eines globalen Zeitgeists werden können. „Ich denke, die Banker in der Region sind besorgt“, schreibt ein Blogger aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, „aber nicht die Jemeniten und Syrer auf der Straße, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

(Reuters) (exakt nach)

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